Andreas Petrik (Foto: Leo Hagen)

DORFGRÜNDUNG … ein Planspiel politischer Bildung

Jugendliche zwischen Autonomielust, Solidarität und Wunsch nach Anerkennung

Ein Erfahrungsbericht von Prof. Dr. Andreas Petrik, Didaktik der Sozialkunde, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Autor des Planspiels, Projektpartner: Förderverein internationales Fluchtmuseum e.V., BBS Wechloy, Oldenburg

Andreas Petrik (Foto: Leo Hagen)

Wir (zwei meiner Student*innen und ich) haben ein zwei Tage und zwei Nächte mit einer Berufsschulklasse in einer Tagungsstätte auf dem Land verbracht, um die Dorfgründungssimulation durchzuführen. In diesem sozialen Experiment stellen sich die Teilnehmer*innen vor, in ein leerstehendes Bergdorf in den südfranzösischen Pyrenäen auszuwandern, um dort eine neue Gesellschaft zu gründen. Sie müssen also – unterstützt vom Moderator – klären, wie sie leben, arbeiten, Entscheidungen treffen, Güter verteilen und Konflikte lösen wollen. Die Berufsschulklasse bestand aus 17 jungen Menschen mit Fluchthintergrund aus Syrien, der Türkei, dem Iran, Irak, Afghanistan, Guinea-Bissau, Gambia und Thailand, die alle eine Ausbildung im Lebensmittelhandel durchlaufen.

Wir begannen mit einer Phantasiereise durch das deutsche Alltagsleben der Jugendlichen bis nach Südfrankreich, die mit der Frage schließt, was jeden und jede an ihrem Leben in Deutschland stört und was sie im Dorf anders oder viel konsequenter machen wollen. Die Jugendlichen stört (neben dem kalten Wetter Norddeutschlands, was heitere Zustimmung erzeugt) die Ferne zu ihren Familien, zumal diese oft in großer Unsicherheit und Gefährdung leben, eine fehlende permanente Aufenthaltsgenehmigung, frühe Arbeitszeiten, zu viel Steuern zahlen zu müssen, Briefe von Behörden, Versicherungen usw., die schwer lesbar sind, wenn man keine Muttersprachler*in ist. Die Erfahrung mit „unfreundlichen Deutschen“ und rassistischer Diskriminierung, auch durch die Polizei, wird ausführlich und kontrovers diskutiert. Einige beklagen, viele Deutsche verstünden nicht, warum Menschen ihre Heimat verlassen müssten und schauten komisch, wenn ein Geflüchteter (oder einfach nur ein „südlich“ aussehender Mensch) ein Handy oder gar Auto besitze. Auch schmerzhafte Erfahrungen mit racial profiling werden deutlich. Auf der anderen Seite – und dies macht aus meiner Sicht die charmante Differenziertheit der Gruppe aus – erfolgt auch Selbstkritik: Als Flüchtling habe man sich auch an die Regeln des Gastlandes zu halten, Respekt zu zeigen und dankbar für Aufnahme und materielle Unterstützung zu sein. Im virtuellen Dorf wollen die Jugendlichen lernen, sich selbst zu helfen, ökonomisch unabhängig zu werden, eigene Regeln zu verabschieden und, wie immer wieder betont wird, mit denen zu teilen, die weniger Geld zur Verfügung haben. Der Wert der Solidarität dominiert.

Zugleich zeigen sich in den Dorfversammlungen typische Kontroversen, wie sie auch in Dorfgründungen mit deutschen Jugendlichen zu beobachten sind: Umstritten ist die Frage, ob man eine starke Bürgermeister*in im Dorf braucht oder eher basisdemokratisch Entscheidungen trifft. Genauso wie die Frage, ob alle Einkünfte in eine Gemeinschaftskasse fließen oder ob jeder und jede nach Leistung bezahlt wird und die Armen dabei mit freiwilligen Spenden bedacht. Hoch kontrovers auch die Frage der Rolle von Religion und Kirche: Soll das Kirchengebäude ein religiöses Gotteshaus bleiben oder in ein interkulturelles, säkulares Kulturzentrum umgewandelt werden? Schließlich gibt es auch keine Einigung in der Frage, ob ein Investor ein großes Hotel im Dorf bauen darf, um dem Dorf Wohlstand über Tourismus zu bringen.

Die Jugendlichen füllen mit ihren Argumenten das für Deutschland (und alle westlichen Staaten) typische politische Spektrum der fünf demokratischen Bundestagsparteien, mit Ausnahme der überwiegend antidemokratischen AfD: Die Jugendlichen artikulieren grüne, sozialdemokratische, demokratisch-sozialistische, marktliberale und konservative Positionen. Im nächsten Schritt lernt die Klasse, diese Positionen politisch zu benennen und in den sogenannten politischen Kompass einzuordnen, der ein Koordinatensystem mit einer wirtschafts- und einer gesellschaftspolitischen Achse bildet: Zum einen soziale Gleichheit und Umverteilung versus Marktfreiheit, zum anderen Basisdemokratie versus autoritäre Herrschaft. In dieses Koordinatensystem ordnen wir dann die sechs Bundestagsparteien (inklusive AfD) mithilfe kurzer Programmbeschreibungen ein. Diese Aufgabe ist sprachlich anspruchsvoll, trotz starker Vereinfachungen in den Quellentexten. Dennoch betonen die Jugendlichen in der Abschlussreflexion, dass ihnen diese Arbeit geholfen habe, ihren eigenen politischen Standort besser zu verstehen und nun dessen Nähe zu deutschen Parteien erkennen zu können. Offenbar fühlen sie sich dadurch ein Stück mehr in Deutschland angekommen, denn sie betonen, wie wichtig diese Kenntnisse gerade in einem fremden Land sind.

 Insgesamt gibt es ausschließlich Lob für die zwei Tage, alle wirken begeistert, betonen, die Aufgabe, gemeinsam etwas aufzubauen (auch wenn es virtuell war), habe ihnen Spaß gemacht, der Zusammenhalt in der Klasse sei dadurch gestiegen, man habe sich besser kennen gelernt, viele neue Begriffe gelernt, die man im Alltag gebrauchen könne, auch neue politische Ideen entwickelt. Auch der Kontakt zu unserem Dreierteam wurde als sehr angenehm herausgestellt.

Mein Fazit als Moderator:

Unser Land wächst mit solchen interkulturellen Perspektiven. Ich durfte junge Demokrat*innen mit völlig unterschiedlichen Prägungen erleben, die trotz kontroverser politischer Auffassungen und hitziger Diskussionen ein großes Maß an gegenseitiger Toleranz und Solidarität zeigten, die selbstkritisch und lernbegierig mit neuem Wissen umgingen und die vor allem eine Sehnsucht eint: Als ganz normale deutsche Bürger*innen anerkannt zu werden, die hier leben, lieben, arbeiten und wählen dürfen.

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